Doping ist längst Teil von Fitness und Breitensport

Interview Autor: Cornelia Kolbeck

Das Ideal vieler Menschen: der wohlgeformte Körper, so wie er von der Werbung dargestellt wird. Wer dieses Ziel erreichen will, hilft nicht selten mit unnatürlichen Mitteln nach. © milanmarkovic78 – stock.adobe.com

Radrennfahrer, Schwimmer, Läufer – Doping kennt man aus dem Profisport. Aber auch manch Freizeitsportler hilft bei der Leistungssteigerung nach. Warum das so ist, erklärt Professor Dr. Ralf Brand, Sportwissenschaftler und Leiter Sport- und Bewegungspsychologie, Universität Potsdam.

In welchem Umfang wird im Freizeitsport gedopt?

Prof. Brand: Die Forschung bewegt sich hier in einem Dunkelfeld. Wir können uns im Wesentlichen nur auf das konzentrieren, was uns Menschen mitteilen oder was wir selbst – sehr stichprobenhaft – beobachten können. Die Zahlen des deutschen Zolls zeigen, dass in den vergangenen Jahren mehrere Tonnen verbotener Substanzen an deutschen Flughäfen aufgegriffen wurden. Man kann relativ leicht ausrechnen, dass allein die gefundene Menge an Anabolika ausreichen würde, um Zehntausende Bodybuilder zu mästen. Wahrscheinlich sind die aufgegriffenen Mengen aber nur ein Bruchteil der Menge, die tatsächlich in Deutschland landet.

Wie kommen die Konsumenten üblicherweise an die verbotenen Substanzen ran?

Prof. Brand: Eine Möglichkeit ist der Erwerb übers Internet. Das schaffen schon 12-Jährige. Wenn Sie eine Suchanfrage nach „Anabolika kaufen“ starten, werden auf der Stelle 40 oder 50 Händler angezeigt. Uns wurde auch berichtet, dass man einfach im Fitnessstudio um die Ecke eine Person dazu ansprechen kann. Da wird zwar nicht im großen Stil gedealt, aber es ist dennoch relativ leicht, an solche Substanzen zu kommen.

Größte Razzia aller Zeiten

In den letzten 20 Jahren hat sich der weltweite Handel mit Anabolika deutlich erhöht, meldete im Juli die europäische Polizeibehörde Europol. Anlass war die größte Razzia der Ermittler, die bislang stattfand. 3,8 Mio. Dopingsubstanzen und gefälschte Arzneimittel wurden eingezogen. Eines der wesentlichen Ziele der Kontrollen, in die 33 Länder einbezogen wurden, war die Stilllegung geheimer Labore. Neun von diesen wurden letztlich geschlossen. Fast 24 Tonnen an Rohmaterial für Steroide konnten sichergestellt werden.

Für welche Freizeitsportler ist Doping interessant?

Prof. Brand: Es gibt hier unterschiedliche Sportarten und unterschiedliche Motive zum Dopen. Ein grundlegender Unterschied ist, ob Muskulatur aufgebaut werden soll, damit man beispielsweise mehr Gewicht stemmen kann, oder ob es um Ausdauer geht. Ein Marathonläufer darf eben nicht so aussehen wie ein Bodybuilder, weil er sonst keinen Marathon laufen kann. Zum Bodyforming werden vor allem Anabolika genutzt. Beim Langstreckenlauf geht es vor allem um die Verbesserung der Sauerstoffaufnahmekapazitäten in der Muskulatur und um eine schnellere Regeneration nach dem Wettkampf oder nach Trainingsbelas­tung. Ziel ist, sich früher wieder mit hoher Intensität belasten zu können.

Wenn leistungsfördernde Mittel so leicht zu bekommen sind, könnte man vermuten, dass auch Vereinstrainer darauf zurückgreifen und versuchen, etwa den Nachwuchs sportlich „zu fördern“.

Prof. Brand: Darauf gibt es keine Hinweise. Im Gegenteil, es scheint eher so zu sein, dass die Anti-Doping-Bemühungen im Profisport auch hier gehört werden. Mir ist keine Untersuchung bekannt, die im Bereich des organisierten Breitensports auffällige Zahlen liefert. Wesentlich plausibler ist es, anzunehmen, dass das Phänomen des Konsums von verbotenen Substanzen und leistungssteigernder Mittel im Breiten- und Fitnesssport eine selbst organisierte Sache ist, bei der Freunde und Bekannte mitmachen. Das ist eine hochgradig privatisierte Angelegenheit, nach allem, was wir bisher wissen.

Warum greifen die Menschen zu verbotenen Substanzen?

Prof. Brand: Es gibt in der Forschung die Gateway- oder Einstiegsdrogen-Hypothese. Dabei nimmt man an, dass der Schritt zur Nutzung verbotener Substanzen geringer ist, wenn man sich zuvor an den Konsum noch legaler Substanzen gewöhnt hat. Das Verflixte am Anabolika-doping ist ja, dass es funktioniert – in dem Sinne, dass das Muskelwachstum stark angeregt wird. Mit Eiweißpräparaten und Nahrungsergänzungsmitteln lassen sich zwar auch Fitnessfortschritte erreichen, allerdings in sehr viel geringerem Ausmaß. Wenn also jemand die Erfahrung gemacht hat, dass zum Beispiel Protein-Shakes gut funktionieren, aber leider eben nicht so schnell, dann ist der Schritt ins illegale und gefährdende Verhalten nur noch klein. Die Gatewayhypothese ist eine plausib­le Annahme, allerdings haben wir eben dieses Dunkelfeld, wo es sehr schwierig ist, exakte Daten zu bekommen.

Von welchen illegalen Produkten sprechen wir denn?

Prof. Brand: Was Dopingpräparate sind, ist durch die Nationale Doping Agentur NADA definiert und veröffentlicht. Anabolika zählen im Breiten- und Fitnesssport sicherlich zu den gebräuchlichsten Dopingmitteln. Aber wir wissen nicht genau, was sich die Leute sonst noch alles einwerfen.

Dopingmittel-Datenbanken

Die NADAmed Medikamenten-Datenbank soll es Sportlern und Betreuern in Deutschland ermöglichen, eine leicht zugängliche und schnelle Auskunft über die Dopingrelevanz von Medikamenten zu erhalten. Sie umfasst zurzeit 3500 Medikamente und Wirkstoffe, die bei Sportlern häufiger zur Anwendung kommen. Medikamente aus anderen Ländern sind nicht aufgeführt. Grundlage ist die Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA).

Außerdem hat die NADA das Präventionsprogramm „Gemeinsam gegen Doping“ initiiert, mit dem Athleten sowie deren sportliches Umfeld in ihrem Einsatz für saubere Leistung unterstützt werden. Es geht hier auch um die Wertevermittlung. Angesprochen werden deshalb Eltern, Trainer, Lehrer und Betreuer, die ihrer Vorbildrolle gerecht werden sollen. Aktuelle Hinweise beziehen sich auf den Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln. Diese enthielten Nährstoffe oft in überhöhten Mengen und isolierter Form, teilweise um das 1000-fache erhöht, heißt es. Verwiesen wird auf die Kölner Liste® des Olympiastützpunkts Rheinland, welche die Möglichkeit zur Selbstauskunft bietet.

Gibt es wie im Profi-Radsport auch im Freizeitsport Blut-Doping?

Prof. Brand: Davon haben wir in unserer Forschung noch nie etwas gehört.

Dopingtests im Breitensport würden das angesprochene Dunkelfeld etwas beleuchten.

Prof. Brand: Die Pflicht zu Dopingkontrollen besteht nur auf höchster Wettbewerbsebene und in Sportarten, die dem Doping-Kontroll-System der NADA angeschlossen sind. In Dänemark allerdings wird auch in Fitnessstudios kontrolliert. In Studios, die mitmachen, erklären sich Mitglieder für unangemeldete Kontrollen bereit. Damit ist eine rechtliche Grundlage geschaffen, die es in Deutschland nicht gibt. Ergebnisse aus Dänemark kenne ich allerdings noch nicht.

Warum wollen Menschen diese zum Teil übermäßig ehrgeizigen Ziele erreichen? Warum müssen sie aussehen wie Bodybuilder?

Prof. Brand: Dazu gibt es viel Wissen in der Sportsoziologie. Der Zeitgeist sieht den wohlgeformten Körper als ideales Äußeres. Es geht aber auch oft darum, der Erste oder Beste zu sein.

Aber was verleitet den Einzelnen, weiter zu gehen und zu verbotenen Substanzen zu greifen?

Prof. Brand: Ein Ausgangspunkt sind die über Medien transportierten Ideale, die sich in den letzten Jahren stark verändert haben. Es gibt zugleich eine Technologisierung des Alltags, auch zum Zweck der Optimierung der eigenen Leistungsfähigkeit und des eigenen Anscheins. Kein Mensch zuckt heute bei der Vorstellung, sich die Augen lasern zu lassen. Heutzutage sind Formen der Körperoptimierung an vielen Stellen gang und gäbe. Dazu kommt die Nutzung von Pharmazeutika zum Erreichen des eigenen Ziels, diese sind zugänglich und wirken.

Das heißt: Doping ist bei Jung und Alt beliebt?

Prof. Brand: Das Anabolikadoping im Fitness- und Freizeitbereich war bis vor 15 Jahren den Spezialisten vorbehalten, also vor allem wettkampfmäßig agierenden Bodybuildern. Heute ist das wesentlich verbreiteter. Die Daten weisen dabei auf dramatische Generationenunterschiede hin. Die Haltung zum eigenen Körper unterscheidet sich sehr stark zwischen 40- und 60-Jährigen und Menschen von der Pubertät bis 30 Jahre. Alles deutet beim Doping darauf hin, dass wir es überwiegend mit jüngerem Publikum zu tun haben. Bei Menschen, die das Bodyformen im Sinn haben, mag das mit der Pubertät einsetzen. Doping ist aber zum Teil auch daran gebunden, ab welchem Alter im Fitnessstudio eine Mitgliedschaft erlaubt wird, und das ist in der Regel erst mit 16.


Professor Dr. Ralf Brand, Sportpsychologe Universität Potsdam © R. Brand